Urbanhafen

Ich kenne den Urbanhafen, weil ich 2025 eine Freundin im Urbankrankenhaus besucht habe. Erst dann fiel mir die Nähe zur Admiralbrücke und anderen vertrauten Orten auf, und so entdeckte ich, nach 26 Jahren in Berlin, diesen Ort neu für mich.

(von links nach rechts : Liegewiese vor dem Krankenhaus, Van Loon, Baerwaldbrücke)

Wenig später bin ich umgezogen und wohne jetzt eine Station entfernt am Halleschen Tor, wodurch der Urbanhafen schnell von einem Geheimtipp zum Schauplatz meines Alltags geworden ist.

Für mich und bestimmt viele andere ist der Urbanhafen lange ein namenloser Abschnitt des Landwehrkanals gewesen. Fast alle Hinweise auf den ehemaligen Hafen sind lange verschwunden.

Hier will ich diese Oase in der Wüste der Großstadt teilweise entzaubern, deren neue Funktionen finden und auf Spurensuche gehen.

Der idyllische Landwehrkanalabschnitt ist von der Baerwaldbrücke auf der Westseite und der Admiralbrücke auf der Ostseite eingerahmt. Auf der Nordseite liegt der Böcklerpark, der zum historischen Luisenstädtischen Kanal führt und auf der Südseite das Urbankrankenhaus.

(Blick von der Baerwaldbrücke Richtung Osten)

(Blick von der Admiralbrücke Richtung Westen)

Das Krankenhaus trennt den Uferabschnitt von der nächsten mehrspurigen Straße, der Urbanstraße. Auch die Einbahnstraßen, die zu der Baerwald- und Admiralbrücke führen, mit dem Baerwaldpark und der Grünfläche Grimmstraße, sind begrünte und beruhigte Zonen.

Die räumliche Isolation vom Verkehr trägt zur Atmosphäre des gesamten Urbanhafens bei. Meiner Meinung nach ist das nicht nur für die Lebensqualität, sondern auch für die Nutzung entscheidend. Nehme ich einen Ort als verlassen wahr, wird er eher ein Rückzugsort für mich, wobei zentrale Orte mit hoher Visibilität Treffpunkte für soziale Events werden.

Das erste was einen vom Ausgangspunkt Prinzenstraße begrüßt, ist der Skatepark und direkt fällt auf: der Urbanhafen ist Sport und Freizeitgebiet, zumindest auf der Nordseite.

Hier steht auch der einzige Trinkwasserbrunnen im Urbanhafen, einer der neuen blauen, die neuerdings gefühlt überall in der Stadt auftauchen. Eine willkommene Bereicherung für öffentliche Räume. Bienen und kleine Singvögel kann man hier beim Trinken beobachten, denn aus offenen Gewässern zu trinken ist oft eine zu große Herausforderung.

Danaben befindet sich die Hans Böckler Büste von Karl Trumpf, einem modernen Bildhauer und Mitwirkenden in den Ausstellungen der ,,Berliner Secession“.

Am Eingang des Böcklerparks wird sein Namensgeber, ein Silberschläger, Veteran und der erste Vorsitzdende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) verewigt. Ähnlich wie die Berliner Secession ihren Einfluss verliert, wird auch Hans Böckler in der NS-Zeit ,,(wirtschaftlich) ruiniert“ und muss ,,wiederholt in Schutzhaft“.
Der ständige Druck des Regimes erwies sich als zu hartes Pflaster für die Berliner Secession, die von Austritten geplagt wird und schließlich untergeht.

Hans Böckler hingegen nahm seine Arbeit als Gewerkschaftler in der Nachkriegszeit wieder auf und ließ in einem historischen Projekt 10.000 Wohnungen für Flüchtlinge neu bauen.

Etwas hinter dem Skatepark versteckt stehen 2 freistehende Wände für Sprayer.


Der Skatepark ist gut für Anfänger und Fortgeschrittene geeignet und etwas weniger anspruchsvoll als die Bowls, Rampen und Halfpipes im Gleisdreieckpark.
Auch wenn er mal leer ist, so trifft man einige Meter weiter schnell auf Sportsfreunde.

Neben den vielen Tischtennisplatten, mehreren Basketballkörben und dem Bolzplatz findet man auch einen öffentlichen Fittness-Bereich. Hier gibt es alle wichtigen Geräte für Calesthenics Liebhaber. Wer denkt, hier ist unter der Woche tote Hose, liegt falsch. Diesen Sommer (2026 ) ist die Sportanlage oft voll und die Tischtennisplatten sind besetzt. Der Park hat offensichtlich ein guten Ruf im Kiez.

Ein Detail an der Nordseite ist das zurückgebaute Anlegerbecken für Motorboote. Die immer schneller werdenden Sportboote hatten zunehmend schlicht zu wenig Platz und die Bootrennen verschwanden aus dem Stadtbild. Dafür gibt es heute Kanukurse und Wasserpolo, betrieben von Wasserbegeisterten des Kanu e.V. Kreuzbergs.

(das Anlegerbecken von der Südseite)


(das Anlegerbecken von der Nordseite)

Außerdem mündete hier an diesem Punkt, von 1852 bis 1926, über 70 Jahre lang der Luisenstädtische Kanal von Norden in den Landwehrkanal.

Dieser als Schmuckstück konzipierte Straßenzug mit Kanal ist heute eine begehbare Grünfläche, nur noch das Engelbecken bleibt mit Wasser gefüllt.

Besonders fällt die Diversität der verschiedenen Anlässe für den Besuch auf. Ob alt oder jung, relaxed oder sportlich, mit der Familie oder nur mit dem Lieblingsmenschen, alles ist vertreten.

Am Karneval der Kulturen ist am Urbanhafen jeder Quadradtmeter der Wiese besetzt. Im Normalfall sieht es aber anders aus. Auch wenn man im Sommer realisieren muss, dass es einen Ort in mitten von Berlin ganz für mich alleine nicht gibt , kann man hier trozdem zwischen den Feierabendbiertrinkern, den Telefonaten , Bücherwürmern und Kanufahrern seine Ruhe finden.

Mal ertönt Musik von der anderen Seite des Kanals, mal ein Krankenwagen in der Ferne, doch ist es insgesamt ruhig . Mehr Partyflair gibt es auf der nahegelegenen Admiralbrücke, um die es heute nicht gehen soll.

Während der Recherche treffe ich auf der Nordseite den selbsternannten guten Geist des Urbanhafens. Mohammad ist sein Name. Er sprach mich an, als würden wir uns kennen und setzte sich zu mir. Er erzählt von alten Zeiten und mir wird klar, dass der Urbanhafen besonders wichtig durch seine Beständigkeit im Kiez ist und für viele wohl eine Art erweitertes Wohnzimmer darstellt. Er verrät mir, dass das Stadthaus früher für jeden begänglich war. Jetzt gibt es ausschließlich Programm für Kinder und Jugendliche.

Auf der Südseite ist die gesamte Hafenstaffage zu finden. Neben den zusammengebundenen Kanus liegt das Restaurantschiff Van Loon, aber auch andere Hausboote und Schiffe legen hier an.

Das Van Loon ist ein Seafood-Restaurant mit Bar, Café und Kiosk alles in einem, und im Urbanhafen das einzige Gewerbe. Wer mag, kann hier eine Eventlocation für Feiern mieten oder einen Cocktail oder ein Abendessen mit Blick aufs Wasser genießen.
Angebote wie Brunch Buffets oder eine Rundfahrt mit Dinner kann man auf der Internetseite buchen.

Abschließend ist das Urbankrankenhaus zu erwähnen, mit seinen Altbauten, den Pavillions, und seinem 9-stöckigen Neubau. Zur Zeit der Errichtung ist es gerade mal das 3. Städtische Krankhenhaus und wurde wie der Hafen nach dem „Urban“, dem Sumpfgebiet um Berlin, benannt.

(Admiralbrücke)


(Baerwaldbrücke)

Der Urbanhafen ist am schnellsten über die U-Bahn Station Prinzenstraße zu erreichen. Die Ufer sind barrierefrei durchquerbar. Es gibt eine öffentliche Toilette auf der Nordseite nahe dem Skatepark. Außerdem gibt es überall einen Späti in der Nähe.
Ohne Konsumzwang ist das Motto: Nichts muss, alles kann. So kommen hier Begegnungen zu stande, die anderswo vielleicht nicht denkbar wären, zwischen Patienten, Touristen, Sportlern oder Künstlern.

Aus meiner Sicht hat der Urbanhafen seine alte Funktion als Hafen verloren und durch gute Stadtentwicklung die Funktion des alten Luisenstädtischen Kanals übernommen, der weniger kommerziell und vielmehr kulturell bereichern wollte.

Der Urbanhafen ist offensichtlich beliebt und spielt eine wichtige Rolle als sogenannter „third place“ in West Kreuzberg. Den Besuch ist es wert, sicherlich ist er ein Highlight unseres geliebten Landwehrkanals.

Text und Fotos: C. S. T.