Mariannenplatz

Der Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg ist ein leben­diger Stadt­platz mit park­ähn­licher An­lage, der städtische Ge­schichte, so­ziale Be­wegungen und Kul­tur auf engem Raum vereint. Er gilt heute als be­liebter Auf­enthalts­ort für An­wohnerin­nen und An­wohner, Szene-Publikum und Touristen und steht zu­gleich als Symbol für das politisch-kulturelle Kreuz­berg.

Mariannenplatz mit dem Bethanien und der St. Thomas-Kirche im Hintergrund     

Der Mariannenplatz im Bezirk Friedrichs­hain-Kreuzberg wird von Waldemar­straßeBethanien­damm und Wrangel­straße ein­ge­fasst. Der Bethanien­damm im Norden mar­kiert zu­gleich die historische Grenze zu Mitte, ent­lang der bis 1989 die Berliner Mauer ver­lief, wo­durch der Platz lange eine Rand­lage im Schatten der Grenze hatte.

Von der ehemaligen Berliner Mauer mit dem Todesstreifen ist heute nichts mehr zu sehen

Blick auf den ehemaligen Todesstreifen (links Ostberlin / rechts Westberlin)

Die Platz­fläche ist lang­ge­streckt und von einem großen, be­grünten Innen­be­reich ge­prägt, der sich wie ein „Schmuck­platz“ in die dichte Block­rand­be­bauung der um­liegenden Miets­häuser ein­fügt. Am nörd­lichen Ende dominiert die St. Thomas-Kirche das Stadt­bild, während an der West­seite das monu­mentale Be­thanien­haus den Platz räumlich prägt.

Typische Berliner Blockrandbebauung am Mariannenplatz

Der Mariannen­platz ent­stand im Zuge der plan­mäßigen Er­schließung des Köpenicker Feldes zwischen 1841 und 1846 und war Teil einer groß an­ge­legten Stadt­er­weiterung der südlichen Luisen­stadt. Der Garten­architekt Peter Joseph Lenné sah hier einen re­präsen­tativen Platz vor, der als größter der neu an­ge­legten Stadt­plätze dieses Areals fungieren und mit einer Kirche städte­baulich be­tont werden sollte.

Südseite des Mariannenplatzes

Seinen Namen er­hielt der Platz am 24. März 1849 nach Prin­zessin Marianne von Preußen (Maria Anna Amalie von Hessen-Hom­burg, 1785–1846), die als sozial en­ga­gierte preußische Prinzes­sin und Grün­derin pa­trio­tischer Frauen­ini­tiativen in Er­scheinung trat. Be­reits kurz nach der Be­nen­nung wurde das Diakonissen­haus Be­thanien im Adress­buch ver­zeichnet, während die Um­gebung noch weit­gehend un­be­baut war.

Vorplatz zum Bethanien

An der Westseite entstand zwischen 1845 und 1847 das Dia­konis­sen-Kranken­haus Be­thanien, ge­stiftet von König Friedrich Wilhelm IV., das mit seinen zwei schmalen Acht­eck­türmen und dem Glocken­giebel zu einem weit­hin sicht­baren Wahr­zeichen Kreuzbergs wurde. Ur­sprüng­lich als moderne Kranken­haus­an­stalt konzi­piert, diente es der medi­zi­nischen Ver­sorgung der schnell wachsenden Be­völkerung der Luisen­stadt.

Bethanien

Haupteingang zum Bethanien

Heute wird das ehe­malige Be­thanien als Kunst- und Kultur­zentrum ge­nutzt und bietet Ateliers, Projekt­räume und Aus­stellungs­flächen für nationale und inter­nationale Kunst­schaffende. Damit hat der Bau eine viel­fältige Ge­schichte vom Kranken­haus über soziale Ini­tiativen der 1970er-Jahre bis hin zum etab­lierten Kultur­stand­ort durch­laufen, welcher die alter­native Kunst­szene des Kiezes prägt.

Eingang zur St. Thomas-Kirche

Am nörd­lichen Ende des Platzes steht die St. Thomas-Kirche, ein Kirchen­bau des 19. Jahr­hun­derts, der zur Zeit seiner Fertig­stel­lung mit rund 3000 Sitz­plätzen als größte Kirche Berlins galt. Die mar­kante Kup­pel und die etwa 50 Meter hohen Türme geben dem Platz eine feier­liche Sil­houet­te und sind bis heute ein wichtiges städte­bau­liches Zeichen im Kreuz­berger Stadt­panorama.

St. Thomas-Kirche mit der markanten Kuppel

Obwohl der Mariannen­platz im Kern auf einem Ent­wurf von Peter Joseph Lenné aus der Mitte des 19. Jahr­hun­derts be­ruht, wurde seine Ge­staltung im 20. Jahr­hundert mehr­fach grund­legend ver­ändert. Ins­be­sondere in den 1950er- und 1970er-Jahren er­folgten Um­ge­staltungen, die den Platz stärker als nutz­baren Grün- und Auf­ent­halts­raum in der dicht be­bauten In­nen­stadt formten.

Nordseite des Mariannenplatzes

Im Rahmen garten­denk­mal­pflegerischer Maß­nahmen wurden Wege­führungen nach his­to­rischem Vor­bild über­ar­beitet, die Haupt­wege ver­schmälert und mit wasser­ge­bundenen Belägen neu an­ge­legt. Die Be­leuchtung orien­tiert sich wieder an his­to­rischen Vor­bildern, während Rasen- und Pflanz­flächen, Rosen­beete und Ge­hölz­strukturen – ins­be­sondere rund um die St. Thomas-Kirche – be­hutsam er­neuert und er­gänzt wurden, um den ruhigen Park­charakter zu be­tonen.

Eingangstor zum Rauch-Haus und zum Kunstraum Bethanien

Eingang zum Rauch-Haus und zum Kunstraum Bethanien

In der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts wurde der Mariannenplatz zu einem wichtigen Be­zugs­punkt der West-Berliner Protest- und Haus­be­setzer­be­wegung, was auch mit den an­grenzenden Ge­bäuden und ihrer Nutzung zu­sam­men­hängt. Ins­be­sondere in den 1970er- und 1980er-Jahren war der Kiez um den Platz von sozialen Kon­flik­ten, alter­nativen Wohn­projekten und po­li­tischen Initia­tiven ge­prägt, die das Bild des „re­bel­lischen Kreuz­bergs“ bis heute mit­be­stimmen.

Georg-von-Rauch-Haus mit der Wagenburg links

Mit der un­mittel­baren Nähe zur Berliner Mauer und der Lage am damaligen Stadt­rand ent­wickelte sich hier ein Milieu, in ­dem alter­native Kultur­projekte, soziale Ein­richtungen und eine sub­kulturel­le Szene Raum fanden. Das Be­thanien, teils be­setzt und später le­galisiert, sowie die Besetzung des Georg-von-Rauch-Hauses stehen exem­plarisch für die Aus­ein­ander­setzungen um städt­ischen Raum, kulturelle Auto­nomie und gemein­wohl­orientierte Nutzung.

Georg-von-Rauch-Haus Innenhof

Mit dem Fall der Mauer 1989 und der Wieder­ver­einigung ver­lor der Mariannenplatz­ seine Rand­lage und rückte stärker in die Mitte des wieder­ver­einigten Berlins. Die ehe­malige Grenz­linie am Bethanien­damm wandelte sich vom tren­nenden Mauerstreifen zu einer Naht­stelle zwischen Kreuz­berg und Mitte, wodurch der Platz neuen Zu­lauf aus der ge­samten Stadt er­hielt.

Nachbarschaftsgärten

Gleichzeitig blieb die multi­kultur­elle und alter­native Prägung des Kiezes er­halten: Rund um den Platz lebt eine viel­fältige Be­wohner­schaft aus unter­schiedlichen so­zialen und kulturellen Hinter­gründen, was sich in Gastro­nomie, Läden und der so­zialen Infra­struktur wider­spiegelt. Dis­kurse um Gentri­fizierung, Ver­drängung und Um­be­nen­nungen – etwa die Dis­kussion um eine Umbe­nen­nung nach Rio Reiser – zeigen, dass der Platz weiter­hin um seine sym­bolische Be­deutung ringt.

Denkmal für den ermordeten Wilhelm Lehmann

Heute ist der Mariannenplatz­ vor allem ein Grün- und Auf­ent­halts­ort im dicht be­bauten Kreuz­berg, mit großen Liege­wiesen, schatten­spendenden Bäumen und Sitz­ge­legen­heiten. Menschen nutzen die Wiesen zum Sonnen, Lesen, Pick­nicken oder als Treff­punkt vor dem Be­such der um­liegenden Bars, Clubs und Kultur­in­stitutionen.

Platz vor dem Kunstquartier Bethanien

Ein markanter Punkt in der An­lage ist der Feuer­wehr­brunnen, der an heißen Tagen für Er­frischung sorgt und ins­be­sondere bei Familien und Kindern be­liebt ist. Die Ge­staltung als offene, gut ein­seh­bare Park­fläche unter­stützt eine viel­seitige Nutzung – vom ruhigen Ver­weilen bis zu größeren Ver­an­staltungen.

Feuerwehrbrunnen

Der Mariannenplatz fungiert regel­mäßig als Bühne für Straßen­feste, Konzerte und po­li­tische Kund­ge­bungen. In der Ver­gangen­heit war er etwa Teil der Strecke oder des Um­felds für Ver­anstaltungen wie das ‚MyFest‘ und andere Kiez- und Kultur­feste, die an die Tradi­tionen des po­li­tisch aktiven Kreuz­bergs an­knüpfen.

Marielle-Franco-Platz

Neben Groß­ver­an­staltungen bilden viele kleinere Kultur­for­mate im und rund um das Be­thanien – wie Aus­stel­lungen, Per­formances und Konzerte das kulturelle Rück­grat des Platzes. Da­durch ver­eint sich der öffent­liche Raum des Parks eng mit der institutionel­len und freien Kunst­szene, was dem Ort eine be­sondere Dichte an kulturel­len An­ge­boten ver­leiht.

Graffiti am Marielle-Franco-Platz

Im heutigen Stadtbild symbolisiert der Mariannen­platz sowohl his­to­risches Erbe als auch soziale Be­we­gung und touristische Attrak­tion. Der Platz re­präsentiert so­wohl die monar­chische Ver­gangen­heit Preußens – in der Namens­ge­bung nach Prinzes­sin Marianne – als auch die re­bel­lische, linke und migran­tisch ge­prägte Ge­schichte des Nach­kriegs-Kreuz­bergs.

Blick in die Mariannenstraße zum Rio-Reiser-Platz

Für Bewohnerinnen und Bewohner fungiert er als „his­to­rische Ruhe­zone“ in­mit­ten einer der trubeligsten und dich­testen Ge­genden Berlins, in der sich All­tag, Protest­kultur und Freizeit über­lagern. Für Gäste bietet der Platz einen an­schaulichen Ein­stieg in die Ge­schichte und Gegen­wart Kreuz­bergs, der in wenigen Schritten von der Kirchen­archi­tektur über Kunst im Be­thanien bis zur Straßen­szenerie und Graf­fiti reicht.

Fotos und Text: F. H.