
Das Wahrzeichen von Friedrichshain-Kreuzberg, die Oberbaumbrücke, die Einfahrt durch die Oberschleuse in den Landwehrkanal und das Engelbecken

Oberbaumbrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg

Blick in die Oberschleuse, im Hintergrund die Spree
Die Wasserwege in Berlin-Kreuzberg, bestehend aus Spree und Landwehrkanal, prägen seit dem 19. Jahrhundert das Stadtbild. Ursprünglich vom Stadtplaner Peter Joseph Lenné zur Entwässerung und für den Warentransport konzipiert, verlor das Kanalsystem – zu dem bis 1926 auch der Luisenstädtische Kanal gehörte – mit der Zeit an wirtschaftlicher Bedeutung.
Nach historisch bedingten teilweisen Sperrungen während der deutschen Teilung stehen die Gewässer heute im Fokus von Naherholung der Anwohner und Berlin-Besucher in Form von Sport am und auf dem Wasser oder touristischen Schiffstouren, um einen anderen Blick auf die Stadt zu bekommen.
In der jüngeren Vergangenheit gab es, bedingt durch einen Sanierungsstau, diverse Anwohnerproteste z. B. bei umfangreichen Baumfällaktionen des Wasserschifffahrtsamtes.

Eine Schulklasse nutzt die Möglichkeit mit geliehenen Kanus den Landwehrkanal zu erkunden
Die heutigen Wasserwege in Kreuzberg bestehen aus der Spree und Landwehrkanal (LWK). Die Spree wird begrenzt durch die Michaelbrücke an der Grenze zum Bezirk Mitte und verläuft dann östlich bis zur Oberschleuse des Landwehrkanals an der Lohmühleninsel, an der Bezirksgrenze zu Treptow. Der Kanal verläuft dann an den Bezirksgrenzen zu Treptow und Neukölln, anschließend beidseitig durch Kreuzberg bis zur Höhe Tilla-Durieux-Park am Potsdamer Platz. Der Kanal endet dann an der Unterschleuse im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. An den Bezirksgrenzen Kreuzberg, Alt-Treptow und Neukölln zweigt der Neuköllner Schifffahrtskanal ab, dieser Kanal wurde aber erst ab 1902 errichtet.

Blick vom ehemaligen Kanalbad in Richtung Neuköllner Schifffahrtskanal, auf die Lohmühleninselbrücke
In den Jahren 1882–1885 erfolgte ein umfassender Ausbau der Spree mit einer Begradigung des Flusslaufes, Verbreiterung des Flussbettes auf 50 Meter und einer Vertiefung der Flusssohle auf 1,5m. Am Ende des II.Weltkrieges kam der Schiffsverkehr durch Gebäudetrümmer und gesunkene Wasserfahrzeuge komplett zum Erliegen. Eine Wiederbefahrung war erst ab 1949 möglich.
Während der Teilung Berlins war ein Schiffsverkehr von westlichen Schiffen auf dem heutigen Kreuzberger Spreeteil verboten, da die Sektorengrenze direkt in der Spree verlief und die DDR-Grenztruppen jeglichen Verkehr unterbanden. Die Oberschleuse des Landwehrkanals war Teil des militärischen Grenzgebietes der DDR und für den Verkehr gesperrt. Eine Einfahrt über die Spree in den Kanal war daher, durch Sperren, nicht möglich.

Blick von der Schillingbrücke Richtung Osten auf die Oberbaumbrücke, links zu sehen
die Neubauten der Mediaspree und rechts Gewerbeflächen an der Köpenicker Straße
Historisch gab es von 1848 bis 1926 zusätzlich den Luisenstädtischen Kanal. Dieser und der heutige, noch bestehende Kanal wurden vom Stadtplaner Peter Joseph Lenné geplant und realisiert. Die Kanäle waren einmal für die nötige Entwässerung der umliegenden Ländereien, wie auch für den Transport von Waren, vorwiegend Baumaterial, nötig. Historisch wurde der ursprüngliche Stadtkern Berlin/Cölln in das Spree-Urstromtal an einer trockenen Furt errichtet. Das umliegende Land war durch eine Sumpf- und Moorlandschaft geprägt und daher entsprechend schwieriges Bauland. Eine vorherige Entwässerung war also dringend nötig.
Die Planungen von Lenné fußten auf den alten Verlauf der historischen Landwehr, wobei er den Verlauf deutlich begradigte, weil sich die Landwehr am Verlauf der bäuerlichen Felder und Äcker orientierte und für einen Kanal unzureichend geradlinig war. Der Luisenstädtische Kanal (LK) begann an der Schillingbrücke mit Verbindung zur Spree. Er hatte dort etwas rückgesetzt eine Schleuse und führte dann in einem Bogen zum heutigen Engelbecken.
Das Engelbecken war damals ein Hafenbecken mit entsprechenden Schiffsliegeflächen und Möglichkeiten Waren zu be- und entladen. Vom Engelbecken führte der Kanal weiter über den Oranienplatz (hier ohne Hafenbecken) in das Wassertorbecken. Mit einem weiteren kurzen Kanalabschnitt endete der LK im Urbanhafen. Heutige Berlinbesucher sind häufig irritiert über den Namen Wassertorplatz und können damit wenig verbinden. An dem Ort gibt es kein Wasser und auch kein Tor. Damals verlief noch die Zollmauer an dieser Stelle und mit dem Hafenbecken gab es auch ein entsprechendes Tor (im Becken), welches die Zufahrt regelte. Heute verläuft die Strecke der U-Bahnlinie U1/U3 in etwa auf dem ehemaligen Verlauf der alten Zollmauer und einem Zolltor.

Blick auf das neugestaltete Engelbecken, im Vordergrund der Rosengarten, im Hintergrund die Ruine der St. Michael-Kirche
Im Laufe der Motorisierung des Verkehrs nahm die Bedeutung der Kanäle immer weiter ab. Im Weiteren wurden häufig die Abwässer der umliegenden Wohn- und Geschäftshäuser in die Kanäle geleitet. Da die Kanäle ein stehendes Gewässer sind, führte es über die Zeit zu einer stinkenden Kloake. Der Berliner Magistrat beschloss daraufhin den LK zuzuschütten, was auch 1926 geschah.
Das Aushubmaterial vom Bau der Gesundbrunnen-Neukölln-U-Bahn wurde zum Verfüllen des Kanals benutzt. Übrig blieb ein tiefergelegter Grünstreifen, der zum Verweilen einlud. Das Engelbecken blieb als Wasserfläche erhalten. Nach dem II. Weltkrieg wurde der Grünstreifen zunehmend mit Trümmern verfüllt. Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde der Grünstreifen geteilt.
Das Engelbecken wurde verfüllt und anschließend Teil des Todesstreifens hinter der Mauer. Im Zuge der Internationalen Bauausstellung (IBA) 1984 wurde der westliche Teil wieder vom Schutt befreit und zum heutigen Grünstreifen wiederhergestellt. Nach der Wende 1990 wurde das Engelbecken, teilweise unter Problemen, wiederhergestellt. Der Bereich zwischen Engelbecken und Köpeniker Straße wurde mit dem „immergrünen Garten“ und dem „Rosengarten“ neugestaltet. Die Landesdenkmalliste Berlins führt die Neugestaltung bzw. Wiederherstellung des ehemaligen Kanalverlaufs als schützenswertes Gartendenkmal.

Ein indischer Brunnen im neugestalteten Luisenstädtischen Kanal, kurz vor dem Engelbecken
In früheren Zeiten wurden die Spree und der LWK auch als Badestellen benutzt, eine heutige Nutzung ist aber verboten. Die Schifffahrt und eine Keimbelastung der Gewässer stellen eine Gefahr für die Badegäste dar. Bei Starkregenereignissen fließen die Berliner Regenrückhaltebecken über und spülen dabei diverse Keime in die Spree und die Kanäle. Im Bezirk Mitte gibt es eine Initiative, die eine Bademöglichkeit an der Museumsinsel in der Spree wieder möglich machen will.

Blick in das Kreuzberger-, Neuköllner und Treptower Kanalbecken
Links geht es in den Landwehrkanal Richtung Westen, geradeaus geht es zur Oberschleuse und rechts geht es in den Neuköllner Schifffahrtskanal. Auf der linken Seite sieht man wieder den Ort des ehemaligen Studentenbades an der Ratiborstraße.

Blick von der Lohmühleninselbrücke auf die Kreuzberger Seite.
Rechts geht es wieder zur Oberschleuse und links in den LWK Richtung Westen. Das Areal in der Mitte zeigt wieder das ehemalige Studentenbad. Exemplarisch soll kurz eine ehemalige Bademöglichkeit im LWK in Höhe der Ratiborstraße dargestellt werden. In der dortigen Grünfläche gab es das Studentenbad, kurz „Stute“ genannt. Dieses stand zuerst nur den männlichen Studenten offen, ab 1916 im Zuge der weiblichen Emanzipation wurde es auch Frauen erlaubt, dort zu baden, zur Freude der männlichen Badenden.
Umkleiden waren einfache Bretterverschläge unter Bäumen, in den Kanal führten kurze Leitern und ehemalige Schiffsanlegepfähle wurden von den Studenten als Sprungbretter umfunktioniert. Das Bad bestand um die 100 Jahre und wurde vom Bezirksamt im Jahre 1954 geschlossen. Der damalige populäre Kreuzberger Bürgermeister Willy Kressmann wollte gerne das Bad wieder eröffnen, scheiterte damit aber in der BVV, was auch an den Kosten in Höhe von 250.000 Mark lag. Das Areal an der Ratiborstraße wird heute noch als Liegewiese im Sommer genutzt, angrenzend ist auch ein beliebter Biergarten.
Nach dem II.Weltkrieg erlangte der LWK noch einmal an Bedeutung als Abtransportweg für die gewaltigen Trümmermengen per Lastkahn. Im Zuge dieser Arbeiten wurde der Urbanhafen zum Teil verfüllt, die ehemalige Mittelinsel wurde mit dem Ufer verbunden und der Hafen damit deutlich verkleinert bis zu seiner heutigen Form.

Blick auf den Urbahnhafen, Richtung Osten
Rechts dauerliegende Restaurantschiffe und links das neugestaltete Ufer

Blick vom nördlichen Ufer auf das Hafenbecken und das Krankenhaus am Urban

Blick auf dass nördliche Hafenufer und die ehemalige Einfahrt in den Luisenstädtischen Schifffahrtskanal

Detailaufnahme von der ehemaligen Einfahrt in den Luisenstädtischen Schifffahrtskanal
Kontroverse Beschädigte Spundwände am Kanal und Baumfällungen 2007
Anfang 2007 rutschte die Anlegestelle der Reederei Riedel in Höhe der Kottbusser Brücke in den Landwehrkanal, wenig später gab es zusätzliche Absackungen am Technikmuseum an der Möckernbrücke. Die zuständige Bundesbehörde ordnete daraufhin, zur vermeintlichen Gefahrenabwehr, die Fällung von 200 Bäumen direkt am Kanal an. Das beherzte Eingreifen von Anwohnern konnte die massive Fällaktion aber verhindern, bis auf 38 Bäume, wovon alleine 22 Bäume unter massivem Polizeischutz und entsprechend wütenden Anwohnerprotesten gefällt wurden.
Die Bürgerinitiative (BI) sammelte daraufhin u.a. 26.000 Unterschriften und sorgte für ein reiches Medienecho, daraufhin knickte das Bundesverkehrsministerium (als aufsichtsführende Behörde) ein und untersagte die weitere Fällung von Bäumen. Die BI konnte im folgenden Verlauf die Rettung der verbliebenen Bäume durchsetzen.
Als Alternative Sicherungsmaßnahme wurde ein eingeschränktes Fahrverbot für Schiffe im LWK angeordnet, diese dürfen nur noch in Ost-West-Richtung den Kanal befahren. Durch diese Maßnahme sollen die Bugwellen minimiert werden, die für eine weitere Schädigung der Kanalwände sorgen würden.
Geschichtlicher Ablauf auf der Seite von der BI.
Interview beim tagesspiegel mit der BI vom 20.06.2007.
2024 wurden für die vollständige Kanalsanierung (von Unter- bis zur Oberschleuse) Kosten in Höhe von ca. 64 Millionen Euro angesetzt.
Im darauffolgenden Jahr 2025 wurde eine Bauzeit von 2028 bis 2043 angegeben.
Zwischenzeitlich gab es aber einen Wechsel bei der Leitung des Schifffahrtsamtes in Magdeburg und die neue Leitung hat eine komplette Neuplanung der Arbeiten gefordert, daher ist es heute ungewiss, ob die zeitliche Planung und die angesetzten Kosten so gehalten werden können.

Blick von der Admiralbrücke in Richtung Urbanhafen
Empfehlen kann man eine 3-stündige Schifffahrt über Spree und Landwehrkanal mit dem Titel „Brückentour“, zum Preis von ca. 35€. Die Tour wird von diversen Berliner Reedereien angeboten und startet/endet vorwiegend im Berliner Regierungsviertel. Sehenswürdigkeiten sind dabei das Regierungsviertel, historische Mitte, Oberbaumbrücke, Schleusung in den LWK, Fahrt durch den Landwehrkanal, Unterschleuse und zurück zum Regierungsviertel.

Das Schiff MS Treptow der Stern+Kreis Reederei bei der Durchfahrt durch den Kanal
Begriffe:
Landwehr
Die Landwehr bestand aus einem Graben, Dornenbüschen und Holzpalisaden, ursprünglich am Ende des Mittelalters angelegt, um feindliche Truppen weit vor der Stadtmauer zu stoppen und Zeit zu haben, die Stadttore zu schließen. Historisch setzten die Römer Bauwerke im Stil der Landwehr schon um das Jahr 16 ein, um ihre Reichsgrenzen zu schützen. Erläuterungen und grafische Beispiele finden sich in der wikipedia.
Cölln
Historiker deuten den Begriff als Ableitung des slawischen Begriffes Kollne, was soviel bedeutet wie Sumpf oder feuchter Ort.
Peter Joseph Lenné
* 29. September 1789 in Bonn; † 23. Januar 1866 in Potsdam
Lenné war ein preußischer Gartenkünstler und General-Gartendirektor der königlich-preußischen Gärten.
Auszug aus seinen Werken:
1816 und 1828 Änderungen Neuer Garten, Potsdam
ab 1818 Umgestaltung und Erweiterung des Parks Sanssouci
1833–1840 Tiergarten, Berlin
ab 1840 Stadtplanung Berlin, verschiedene Projekte (in Verbindung zum Hobrecht-Plan.
ab 1848 Neuplanung des Landwehrkanals und Luisenstädtischer Kanal
Eine weit umfangreichere Werkschau ist bei der wikipedia zu finden.
Quellen:
wikipedia
BI „Bäume am Landwehrkanal“
Wasser- und Schifffahrtsamt
Tagesspiegel
Architekturmuseum TU-Berlin, Lenné-Header-Grafik:
Peter Joseph Lenné (1789-1866, als Zeichner) Städtebaulicher Ideenwettbewerb Landwehrkanal – Tiergartenviertel, Berlin 1840, gemeinfreie Grafik, Direktlink zur Grafik ist zur Zeit inaktiv
Text und Fotos: C.H.