
Hast Du schon einmal ein Gericht gegessen, das Dich sofort an Deine Kindheit erinnert hat? Oder ein Eis bekommen, das viel mehr war als nur eine Süßigkeit? Manchmal sagt Essen mehr als Worte. Es kann Trost spenden, Erinnerungen wecken und Liebe ausdrücken. Genau darum geht es in diesem Artikel.
Für mich gibt es einen Ort, an dem ich diese Art von Liebe immer wieder erlebe: die Eisdiele „Fior di Latte“ in der Kreuzbergstraße. Dort habe ich mit der Besitzerin Doro gesprochen – und ihre Geschichte zeigt, dass Essen tatsächlich eine Sprache der Liebe sein kann.
Als Kind wuchs Doro in einem Dorf in Polen auf. Dort gab es eine Eisdielenbesitzerin, die Kinder liebte. Wer bei ihr ein Eis kaufte, bekam oft noch eine Süßigkeit geschenkt. Es war keine Werbung und keine Verkaufsstrategie. Es war einfach eine kleine Geste der Großzügigkeit. Auch wenn ein Kind sich eine Kugel Eis nicht leisten konnte, hat es eine kleine Süßigkeit bekommen.
„Diese Freude, etwas geschenkt zu bekommen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten – das ist bedingungslose Liebe.“, erzählt Doro.
Dieser Moment blieb ihr bis ins Erwachsenenalter im Herzen. Er hat sogar ihren Charakter geprägt.
In den 1990er-Jahren kam sie nach Deutschland. Eigentlich hatte sie in Polen davon geträumt, selbst eine Eisdiele zu eröffnen. Doch das Leben verlief anders. Sie brach ihr Abitur ab, arbeitete in verschiedenen Jobs und verdiente ihr Geld unter anderem im Handel zwischen Polen und Deutschland. Der Traum schien längst vergessen.
Doch manchmal warten Träume geduldig.
Durch einen Zufall erfuhr Doro, dass die Eisdiele in ihrem Wohnhaus umgezogen war. Die vorherige Betreiberin hatte den Mietvertrag nicht verlängert. Plötzlich war der alte Traum wieder da.
Obwohl sie keine Erfahrung hatte, übernahm sie den Laden und begann, Eis herzustellen.
„Ich wollte mir und den Menschen Freude schenken. Das war meine Motivation. Über das Eis konnte ich meine Liebe zur Welt ausdrücken.“
Heute glaubt Doro fest daran, dass Träume wahr werden können, wenn man an sie glaubt und bereit ist, mit Herz dafür zu arbeiten.
Diese Haltung spürt man auch in ihrer Eisdiele. Für Kinder gilt dort eine besondere Regel: Sie sagt ihnen fast nie Nein. Deshalb verkauft sie bewusst kein Eis mit Alkohol. Kinder stehen bei ihr im Mittelpunkt – genauso wie damals bei der Eisdielenbesitzerin aus ihrer Kindheit. Oft bekommen sie sogar eine kleine Überraschung geschenkt.
In Doros Eisdiele kann man nicht mit Karte bezahlen. Wenn Eltern einmal kein Bargeld dabeihaben, gibt sie dem Kind trotzdem das Eis, das es sich ausgesucht hat. Dann sagt sie: „Bring mir das Geld einfach beim nächsten Mal.“ Und wenn die Familie weit weg wohnt und nicht wiederkommen kann, sagt sie: „Dann ist das ein Geschenk.“ Das passiert nicht nur anderen, sondern auch mir. Ich bekomme oft mein Eis, auch wenn ich gerade kein Bargeld dabeihabe, und bezahle einfach beim nächsten Besuch.

Auch ich habe dort viele persönliche Erinnerungen gesammelt. Wenn ich meine Tochter von der Schule abhole, gehen wir oft gemeinsam ein Eis essen. An ihrem Geburtstag oder wenn sie sich in der Schule besonders angestrengt hat, feiern wir diesen Moment mit einer Kugel Eis bei Doro. Nicht selten bekommt meine Tochter noch eine kleine Überraschung geschenkt. Es sind kleine Gesten, aber sie bedeuten viel. Für mich ist es jedes Mal etwas Besonderes, mit Doro oder ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern solche Momente zu erleben und zu feiern.
Ich selbst bin aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Das Gefühl von Zuhause vermisse ich manchmal noch immer. Vielleicht berührt mich Doros Geschichte deshalb so sehr.
Durch einen weiteren Zufall entdeckte Doro später auch ihr Talent zum Kochen. Für ihren Sohn eröffnete sie neben ihrem Eisladen ein Restaurant. Als der Koch krank wurde, sprang sie kurzerhand selbst ein. Der Duft ihrer Gerichte zog die Menschen von der Straße an. Viele kamen spontan herein und bestellten ihr Essen.
Ich durfte ihre Küche selbst probieren. Besonders ihre Suppe hat mich beeindruckt. Sie schmeckte kräftig, ehrlich und erinnerte mich an Omas Küche – an Wärme, Geborgenheit und Zuhause. Genau dieses Gefühl vermisse ich in Deutschland oft.

Woher kommt diese besondere Herzlichkeit?
Doro erklärt sie mit ihrer Kindheit in Polen. Wenn im Dorf Erntezeit war, halfen alle mit. Bevor sie mit ihren Freunden zur Disco ging, wurde gemeinsam gearbeitet. Nachbarn, Freunde und Familien unterstützten sich selbstverständlich gegenseitig.
Ich glaube, dass man diese Kultur bis heute bei Doro spürt. Ihre polnischen Wurzeln, die osteuropäische Herzlichkeit und dieses starke Gemeinschaftsgefühl leben in ihrem Restaurant und ihrer Eisdiele weiter.
„Meine Mitarbeiter gehören für mich zur Familie. Viele Stammkunden sind mit der Zeit zu Freunden geworden. Eigentlich habe ich meine Freunde durch die Arbeit gefunden.“
Wer ihre Eisdiele betritt, merkt schnell, dass es dort nicht nur um Eis geht. Viele Menschen kennen sich, kommen miteinander ins Gespräch und fühlen sich willkommen. Für manche ist dieser Ort längst zu einem zweiten Zuhause geworden.
Vielleicht ist genau das die wahre Sprache der Liebe: nicht große Worte, sondern kleine Gesten. Eine Kugel Eis. Eine selbst gekochte Suppe. Ein Geschenk für ein Kind. Ein Ort, an dem man sich gesehen fühlt.
Denn Liebe kann man nicht nur sagen.
Man kann sie auch schmecken.
