Das Zeitungsviertel

Das Zeitungsviertel befindet sich in der Friedrichstadt und im Süden des alten Stadtkerns. Das zirka ein Quadratkilometer große Areal wird im Westen von der Wilhelmstraße, im Osten von der Lindenstraße, im Norden von der Leipziger Straße und im Süden vom Landwehrkanal begrenzt.

Zu einem 1. Anstieg von Verlags -und Druckereigründungen kam es 1849/50 infolge der Pressefreiheit, einer der zentralen Forderungen der „Märzrevolution“. Vor dieser Zeit gab es in der gutbürgerlichen Wohngegend der südlichen Friedrichstraße Verleger wie Ludwig Erhardt Hitzig, welcher z. B. Ludwig Tieck und Adalbert von Chamisso
veröffentlichte.

Mit der Zunahme des Bildungsgrades der Bevölkerung wird es nun profitabler, mit Druckerzeugnissen Geld zu verdienen. Neue Techniken, wie Telegraf, Telefon, Eisenbahn usw. transportierten die Informationen nun schneller und machten die Druckereierzeugnisse aktueller. Als eigentlicher Startschuss für die Genese des Zeitungsviertels muss aber die Reichsgründung 1871 angesehen werden.

Berlin war nun die Kapitale einer neuen Macht in Mitteleuropa. Der Ausbau der Berliner Infrastruktur lockte auch Investoren im Printbereich an. Diese erkannten auch die politische Macht der neuen Massenmedien. Dramatische Momente erlebte das Zeitungsviertel während der „Novemberrevolution“ von 1918. Im „Spartakusaufstand“ (5.-12.1.1919) wurde das Viertel zeitweise von schlecht vorbereiteten Anarchisten und Kommunisten besetzt. Die gewaltsame Räumung durch Militär und sogenannte „Freikorps“ kostete an die 200 Menschenleben.

Zu den Standortvorteilen gehörte die Nähe zur Macht im Norden (Regierungsviertel). Im Süden befand sich der Anhalter Bahnhof mit dem Hauptpostamt und im Osten die Ritterstraße (Exportviertel). Von hier kamen wichtige Innovationen in Bild-, Ton- und Drucktechnik. Die ganz große Zeit dieses Gebietes waren die Jahre 1918 bis 1933. Heute würde man von einem Medien-Hotspot sprechen. Hier hatten zeitweise über 500 Firmen ihre Niederlassungen.

Dazu gehörten Zeitungen, Buchverlage, Filmfirmen, Fotoagenturen, Graphikateliers, internationale Presseagenturen, Musikverlage und Werbestudios. Wer in dieser Zeit etwas mit den damaligen Medien zu schaffen hatte, musste sich hier blicken lassen. Hier wurden Karrieren gefördert oder zerstört.

Das Epizentrum dieses Quartieres war die Kreuzung Friedrichstraße / Kochstraße. Hier hatte der Ullsteinverlag seine Zentrale, in dieser Ära der größte Verlag Europas.
In der Stummfilmzeit um 1900 machte hier der Filmpionier Oskar Messler seine ersten Aufnahmen. Egon Erwin Kisch prägte den Begriff vom rasenden Reporter. Journalisten von links bis rechts trafen sich in der Baumkuchenkonditorei Jaeducke, pflegten ihre Freundschaften und tauschten den neuesten Tratsch aus.

Enormen Erfolg hatten auch die Verlage von Scherl und Hugenberg. Letzterer muss aber durch Gebrauch seiner Meinungsmacht als ein Wegbereiter der Nazidiktatur gesehen werden. Mit der Machtübernahme durch die NSDAP war es mit der Meinungsvielfalt vorbei. Nach der Machtübernahme durch die Nazis gab es auch hier Widerstand, z.B. durch Publikationen und Veranstaltungen unter dem Begriff „Das freie Wort“. Dieser wurde aber durch Verbote, Enteignungen und Gewalt rigoros abgewürgt. Die Diversität der Redaktionen wurde zerstört. Alles wurde gleichgeschaltet.

12 Jahre später, in den letzten Bombenangriffen und in der Schlacht um Berlin wurde das Zeitungsviertel zu 90 % zerstört. Nach dem Krieg versuchten die Besatzer für ihre eigenen Veröffentlichungen den Druckereibetrieb wieder zu beleben. Dies war aufgrund des Trümmerfeldes in der Innenstadt nur sehr eingeschränkt möglich.

Eine der wenigen Ausnahmen war die Großbuchbinderei Lüderitz & Bauer. Sie nahm in den Ruinen ihren Betrieb wieder auf und ist bis heute noch an diesem Ort aktiv. Im Oktober 2009 eröffnete der Tagesspiegel am Askanischen Platz, unweit des alten Zeitungsviertels, sein Verlagsgebäude.

Der Springer-Verlag erwarb Baugrund und eröffnete in der Kochstraße 1966 sein erstes großes Verlagsgebäude. Weitere Bauten dieses Konzerns folgten in unmittelbarer Nähe. Als Gegenpol eröffnete die Tageszeitung auch in der Kochstraße eine Redaktion. Seit 2018 ist die Taz in der Friedrichstr. Der Grundriss des Viertels hat sich nicht so stark verändert und wird nun wieder von Bürogebäuden geprägt.

Einen angenehmen Gegensatz dazu bildet ein von Renzo Piano gestalteter Wohnblock mit fröhlich-bunten Fassaden. Heute sieht dieses Quartier völlig anders aus. Nach dem Krieg war vor allem Wohnraum gefragt. Später kam noch die entsprechende Infrastruktur hinzu (Schulen etc.).

So ist das Zeitungsviertel, auch durch die Teilung Berlins, deutlich geschrumpft. Sehenswert sind das Jüdische Museum, das Museum für Kommunikation sowie das Mauermuseum am Checkpoint Charlie. Es gibt leider nur noch sehr wenige Gebäude, die den Krieg überstanden haben. Nach der Wiedervereinigung wurden die letzten Lücken mit postmodernen Bürogebäuden geschlossen.

Quellen: Initiative Berliner Zeitungsviertel e.V. LeMo-Zeitstrahl

C. K.