Das Aufbau Haus am Moritzplatz

Das Auf­bau Haus am Moritz­platz ist heute ein zentraler Anker­punkt der kreativen Szene in Kreuz­berg und steht zu­gleich auf einem Ge­lände mit in­dustrieller und technik­ge­schichtlicher Tiefe. Die Ge­schichte reicht von der Textil­produktion über Computer­fertigung und Klavier­bau bis hin zu einem „Kreativ­kaufhaus“, das kultur­elle In­stitutionen, Bildung und Handel unter einem Dach ver­eint.

Der Moritz­platz wurde bereits im 19. und frühen 20. Jahr­hundert als wichtiger städtischer Platz mit starkem Ge­werbe- und Ein­kaufs­charakter an­gelegt. Be­sonders prägend war das große Waren­haus Wert­heim, das 1913 mit einer monumen­talen Fassade den Platz dominierte und den Stand­ort zu einem be­deutenden Ein­kaufs­ziel machte.

Im Zweiten Welt­krieg wurde der Platz am 3. Februar 1945 von alliierten Bomben­an­griffen schwer ge­troffen, wo­durch ein Groß­teil der Be­bauung zer­stört wurde. In den 1950er bis 1970er Jahren ent­standen zwar Neu­bauten, gleich­zeitig wurden aber im Zuge groß­flächiger Sanierungs­politik viele Alt­bauten ab­ge­rissen, so­dass lange Zeit Brach­flächen und ein städte­baulich zer­rissener Platz zurück­blieben.

Moritzplatz vor dem Aufbau Haus

Auf dem Areal des heutigen Auf­bau Hauses ent­stand Ende der 1960er Jahre zu­nächst ein Neu­bau, welcher in den 70er Jahren als Textil­fabrik der Firma Ertex diente. Damit knüpfte der Stand­ort an die Tradition des produzierenden Ge­werbes an, aller­dings in einer nüchternen Nach­kriegs­architektur, die klar von der Vor­kriegs­be­bauung differiert.

Später zog in das Ge­bäude ein Werk für Nix­dorf-Computer ein, womit sich der Schwer­punkt von der klassischen In­dustrie hin zur auf­kommenden In­formations- und Computer­technik ver­lagerte. In dieser Phase war das Haus Teil des west­berliner Struktur­wandels, in dem technologieorientierte Be­triebe eine zu­nehmende Rolle spielten – ob­wohl der Moritz­platz als Stadt­raum weiter eher als rand­ständig und pro­blematisch wahr­genommen wurde.

Die Nixdorf-Phase des Ge­bäudes mar­kiert eine wichtige Über­gangs­zeit vom klas­sischen In­dustrie- zum Techno­logie-Stand­ort am Moritz­platz. In den späten 1960er und 1970er Jahren wurden im Ur­sprungs­ge­bäude Nix­dorf-Computer ge­baut, was den Ort an die wachsende Computer­in­dustrie und die Digi­talisierung der Arbeits­welt an­schloss.

Obwohl die bau­liche Hülle nüchtern und funktional blieb, legte diese Nutzung die Grund­lage für groß­flächige Produktions- und Büro­strukturen, die später beim Um­bau zum Auf­bau Haus flexibel neu be­legt werden konnten. Die Trans­formation von der Nix­dorf-Fabrik zum kreativen Multi-Tenant-Haus il­lustriert exem­plarisch, wie sich west­berliner Ge­werbe­stand­orte nach dem Ende des industriellen Zeit­alters neu er­finden.

Eingang zur U-Bahnlinie U8 vor dem Aufbau Haus

Ab 1989 spielte die Klavier­tradition der Firma C. Bechs­tein eine be­deutende Rolle. Bechs­tein, seit dem 19. Jahr­hundert ein re­nommierter Berliner Klavier­her­steller, suchte nach dem Zweiten Welt­krieg und späteren Um­strukturierungen neue Pro­duktions­flächen und über­nahm Ende der 1980er Jahre das Ge­bäude an der Prinzen­straße 85, welches danach als Bech­stein­haus bekannt wurde.

Im Bechsteinhaus wurden in den 1990er Jahren Konzert­flügel und Klaviere ge­fertigt, womit das Areal am Moritz­platz er­neut zu einem Ort quali­tativ hoch­wertiger Manu­faktur­ar­beit wurde. Der groß­flächige Bau bot Bech­stein Pro­duktions- und Ver­waltungs­räume, blieb jedoch städte­baulich lange Zeit ein eher ab­ge­schlos­sener Komplex, der wenig An­bindung an den Außenraum hatte.

Gelände der ehemaligen Prinzessinengärten gegenüber vom Aufbau Haus

Mit dem Rück­zug der in­dustriellen und manu­fakturellen Pro­duktion und einer Zeit des Leer­standes be­gan­nen 2008 der Umbau und die Sanierung des Altbaus, womit sich die Möglichkeit er­öffnete, das Bech­stein­haus neu zu nutzen und städte­bau­lich auf­zu­werten. Der Material­händler Modulor ent­wickelte Ende der 2009er Jahre die Idee, die frühere Klavier­fabrik in ein kreatives Zent­rum um­zu­bauen und damit den lange ver­nach­lässig­ten Moritz­platz neu zu be­leben.

Dieses Kon­zept sah vor, Handel, Werks­tätten, Ateliers und kulturelle Akteure zu bündeln und so einen offenen, öffent­lich zu­gäng­lichen Ort zu schaffen, der sich be­wusst von klas­sischen Ein­kaufs­zentren mit Filial­ketten ab­setzt. Parallel wuchs rund um den Platz mit In­itiativen wie den Prinzessinnen­gärten ein neues Bild von ur­baner, experimenteller Nutzung, welche die Trans­formation vom industriellen zum kreativen Kiez symbolisierte.

Gelände der ehemaligen Prinzessinengärten am Moritzplatz

Das Auf­bau Haus ent­stand im ersten Bau­ab­schnitt als Um­bau und er­weiternder Neu­bau auf dem Grund­stück der ehe­maligen Bech­stein-Fabrik an der süd­west­lichen Seite des Moritz­platzes. Das vor­handene vier­ge­schossige Be­stands­ge­bäude wurde ener­getisch saniert und durch einen vor­ge­setzten, fünf­ge­schossigen Bau­körper mit Kopf­bau er­gänzt, der in seiner Höhe die traditionelle Berliner Trauf­kante von etwa 22 Metern wieder auf­nimmt.

Der erste Bau­ab­schnitt wurde im Sommer 2011 fertig­ge­stellt und bietet rund 17.500 Quadrat­meter Laden- und Büro­flächen, wobei die groß­flächigen Räume des Alt­baus vor allem für Handel und Büros und der neue Teil für kleinere Ge­werbe­ein­heiten und Ateliers ge­nutzt werden. Der zweite Bau­ab­schnitt, der im April 2015 folgte, schließt die städte­bau­liche Lücke zur Oranien­straße und ist durch ein klar ge­gliedertes Beton­raster, groß­formatige Fenster und begrünte Hof­fas­saden mit Loggien ge­kenn­zeichnet.

Das Auf­bau Haus ver­steht sich als „Kreativ­kaufhaus“, welches Kultur, Bildung, De­sign und Handel mit­ein­ander ver­knüpft. In den oberen Etagen des ersten Bau­ab­schnitts sind die Auf­bau Ver­lags­gruppe und weitere Ver­lage wie Ueber­reuter und später Ch. Links an­ge­siedelt, wo­durch das Haus eine starke literarische Prägung er­hält.

In den unteren Ge­schossen betreibt Modulor mit „Planet Modulor“ eine groß­flächige Material- und Kreativ­platt­form, in der zahl­reiche kleine und mittlere Unter­nehmen aus Handel, Hand­werk, De­sign, Kunst und Kultur ver­treten sind. Er­gänzt wird dies durch eine Buch­handlunggast­ronom­ische An­ge­bote wie Café und Re­staurant sowie Ver­anstaltungs- und Event­flächen, etwa im als „Atelier“ be­zeichneten Dach­ge­schoss des zweiten Bau­ab­schnitts.

Heute wirkt der Moritz­platz zwar weiter­hin ver­kehrs­reich und in Teilen un­voll­endet, doch das Aufbau Haus gilt als wichtiger Motor für seine Re­vitalisierung. Durch die Mischung aus Ver­lagen, Hoch­schule, kulturellen In­itiativen, Kreativ­wirt­schaft und Gast­ronomie ent­steht ein ganz­tägig be­lebter Ort, der so­wohl im Kiez als auch über­re­gional wahr­ge­nommen wird.

Preis­ver­leihungen und Aus­zeichnungen, etwa im Rahmen von „Deutsch­land – Land der Ideen“ oder Rankings als be­sonders kreativer Hot­spot, unter­streichen den Ruf des Hauses als in­novativen Stand­ort. Gleich­zeitig er­gänzte das Auf­bau Haus be­nach­barte Projekte wie die Prinzes­sinnen­gärten, sodass rund um den Moritz­platz ein dichtes Ge­flecht aus ur­banem Garten­bau, Kultur, Bildung und Kreativ­wirt­schaft ent­standen ist.

Haupteingang

In der historischen Per­spektive ver­bindet das Auf­bau Haus die Spuren der in­dustriellen, technischen und kulturel­len Nutzung am Moritz­platz. Die klavier­bauerische Tradition von Bech­stein, die textil- und computer­in­dustrielle Phase von Ertex und Nix­dorf sowie die aktuelle Rolle als Kreativ­kauf­haus er­zählen ge­meinsam von einer kontinuierlichen Umnutzung bestehender Gewerbestrukturen.

Statt die frühere Fabrik ab­zu­reißen, wurde sie um­ge­baut, er­weitert und ener­ge­tisch er­tüchtigt, wo­durch so­wohl materielle Sub­stanz als auch Er­innerungen an frühere Produktions­weisen im Stadt­raum er­halten blieben. In dieser Verbindung von Um­bau, kultureller Neu­program­mierung und städte­bau­licher Re­paratur liegt der be­sondere Charakter des Auf­bau Hauses am Moritz­platz, das heute als Symbol für die Wandel­bar­keit und kreative Resilienz Kreuz­bergs gilt.

Fotos und Text: F. H.