Das Theater am Frankfurter Tor ist klein, persönlich und ziemlich unbeeindruckt davon, dass Berlin eigentlich ständig auf der großen Bühne stehen will.
99 Plätze hat das Haus in der Karl-Marx-Allee 133. Neunundneunzig. Das klingt zunächst nicht nach Größenwahn – und genau darin liegt der Charme. Während anderswo schon die Garderobe den Charakter einer Flughafenhalle entwickelt, sitzt man hier vergleichsweise dicht am Geschehen.
Seit Juni 2022 steht das Theater unter der künstlerischen Leitung von Johannes Hallervorden. Auf dem Programm: Schauspiel, Kabarett, Comedy, Lesungen und Konzerte.
Das Theater sitzt an einem ziemlich monumentalen Ort. Breite Schneisen, wuchtige Wohnblöcke und die markanten Türme am Frankfurter Tor prägen das Umfeld. Die Bauten stammen aus der Nachkriegszeit und sind eng mit der Geschichte der ehemaligen Stalinallee verbunden.
Und mittendrin: ein Theater mit 99 Plätzen. Das hat fast schon etwas Freches. Draußen sozialistischer Monumentalbau, drinnen Komödie. Dass Humor im Theater am Frankfurter Tor nicht als lästige Beilage verstanden wird, zeigt bereits der Spielplan. Neben klassischen Theaterstoffen finden sich zahlreiche komödiantische und kabarettistische Produktionen.
Da wäre etwa „Einer flog übers Ordnungsamt“, das neue Soloprogramm von Johannes Hallervorden. Der Titel allein verrät: Hier wird der deutsche Behördenapparat nicht unbedingt als Hort spontaner Lebensfreude betrachtet. Die Performance verspricht ein pointendichtes Programm rund um die Komik des deutschen Rechts. Auch „Was soll das ganze Theater“ nimmt den eigenen Beruf ordentlich auf die Schippe.
Johannes Hallervorden und Marten Sand verbinden Jacques-Brel-Chansons mit Geschichten aus dem Theaterbetrieb – inklusive jener kleinen und großen Katastrophen, mit denen Beleuchter, Requisiteure, Souffleure, Intendantinnen und Kritiker zu kämpfen haben.
Ein Abend, an dem sich das Theater selbst zum Witz macht. Das ist meistens ein gutes Zeichen. Dazu kommen literarische Abende, Gastspiele und Schauspielproduktionen.
Auf dem aktuellen Spielplan stehen unter anderem „Ein seltsames Paar“, „Kunst“, „Heute Abend: Lola Blau“ und „Miss Daisy und ihr Chauffeur“. Das ist eine Mischung, die erstaunlich gut zu Berlin passt: ein bisschen Musik, ein bisschen Kabarett, ein bisschen Nostalgie. Dazu gehört eine kleine Bar, die vor und nach den Vorstellungen geöffnet ist. Das Theater beschreibt sie selbst als Ort zum Verweilen.
Und das passt zum Charakter des Hauses. Hier geht es weniger um den großen Kulturtempel mit Ehrfurchtsfaktor als um einen Abend, an dem man sich tatsächlich noch als Zuschauer fühlen darf – und nicht bloß als Sitzplatz mit Ticket.
Denn vielleicht braucht Berlin gar nicht immer eine große Bühne.
Manchmal reichen 99 Plätze.
Foto und Text: R. D.
